Welche Rolle können Religionen im Jahr 2015 für den Frieden spielen?

Die Frage die wir uns heute stellen ist: „Welche Rolle können Religionen im Jahr 2015 für den Frieden spielen?“ Je nachdem wo wir uns auf diesem Planeten befinden, stellt sich diese Frage etwas anders. Heute sind wir in Deutschland und was Deutschland – zumindest was Gießen betrifft – haben wir es in der Diskussion außschließlich mit Experten, mit euch, zu tun. (Ich nehme mich selbst von dieser Expertenschaft natürlich aus.)

Fragen wir uns also „Welche Rolle können Religionen im Jahr 2015 für den Frieden in Deutschland spielen?“ Für Religiöse sowie nicht religiöse Menschen ist es wichtig, sich diese Frage zu stellen. Für Christen, deren Glaube die Gesellschaft in diesen Landen wie keine andere Religion prägte, stellt sich die Frage, ob und inwiefern er heute noch für die Organisation des Zusammenlebens von Staatsbürgern beiträgt. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn stellte sich neulich die Frage ob das Christentum Fundament für oder Fremdkörper in Europa ist.

Darüber hinaus stellt sich für alle religiösen Menschen, nicht nur für Missionarinnen und Missionare, in einer pluralistischen Gesellschaft die Frage: „Inwiefern sind meine religiösen Überzeugungen für das Zusammenleben mit meinen Nachbarn – die vielleicht radikal anderen Überzeugungen anhängen – relevant? Inwiefern prägen mich meine religiösen Überzeugungen als zivilgesellschaftlichen Akteur und als Konsumenten?“

Doch auch für nicht religiöse Menschen zahlt es sich aus, die Gretchenfrage, die Frage nach der Religion, zu stellen. Die Auseinandersetzung mit Religion als gesellschaftliche Organisationsform und mit religiösen Ideen war und ist eine treibende Kraft in der Entwicklung unserer Gesellschaften und hat uns zum Besseren oder Schlechteren dorthin gebracht hat wo wir heute stehen. Ähnlich wie das Christentum aus dem Judentum (und dem Hellenismus) heraus verstanden werden muss, lässt sich unser heutiges politisches System nur aus seinen historischen Wurzeln (inkl. Christentum) ausreichend erfassen und somit auch pro-aktiv gestalten.

In einer globalisierten Welt und in pluralistischen Gesellschaften lassen sich jedoch solche Gespräche nicht mehr mit exklusivem Bezug auf eine Religion oder Glaubensgemeinschaft führen. Ein inter-religiöser Ansatz ist eine Voraussetzung für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Religion und Gesellschaft. Welche Rolle können nun Religionen im Jahr 2015 für den Frieden in Deutschland spielen? Ich möchte zwei Herausforderungen in diesem Zusammenhang benennen und damit verbundene Denkansätze in die Runde werfen.

Gießen Youth Religion Sociery World Café 1 DSCN0275

Bürgerschaft. Wir alle sind Bürgerinnen und Bürger. Alle demokratischen Gesellschaften straucheln mit der Wahlbeteiligung. Warum soll ein junger Mensch wählen gehen? Aus welchem Motiv engagieren sich junge Menschen politisch? Wer wird heute noch Politiker?

Selbst eine staatlich verordnete und eingeforderte Pflicht zu wählen, sich politische zu Engagieren oder eine Pflicht zur Solidarität machen noch keine Demokratie. Sie bereiten wohl eher Bauchschmerzen. Letztes Jahr diskutierte Youth UPF u.a. im Rahmen der „Parliament Week“ im britischen Parlamentsgebäude die Frage, was junge Menschen davon abhält, zu wählen und sich im Allgemeinen politische zu engagieren? (siehe hier und hier)

Ein Frage, die im Zusammenhang mit dem heutigen Thema von Bedeutung sein kann, ist folgende: Politisches Engagement, wenn es nicht auf egoistischen Gewinn abzielt, erfordert ein gesundes Maß an Utopie – eine Vision einer besseren Gesellschaft. „Eine andere Welt ist möglich!“, ist das wunderschöne Motto des Weltsozialforums und drückt die utopische Triebfeder politischen Engagements passend aus. Der locus classicus einer modernen politischen Utopie, Thomas Mores Utopia, nährt sich neben seiner politischen Erfahrung auch aus der Spiritualität des katholischen Heiligen.

Titelbild (Holzschnitt) von Thomas Mores “Utopia”

Der moderne Verfassungsstaat, den wir Bürgerinnen und Bürger als Bewahrer fundamentaler Freiheiten (z.B. Religionsfreiheit, Redefreiheit) legitimieren, ist nicht von sich aus in der Lage seinen Bürgern eine – sich ständig erneuernde – Vision einer besseren Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Aus der Geschichte haben wir hoffentlich gelernt, dass wenn eine Staatsmacht eine Staatsutopie ausgab, dies meist ein dystopisches Ende nahm. Unter Politikwissenschaftlern im deutschsprachigen Raum ist diese Herausforderung des freiheitlichen, säkularisierten Staates als Böckenförde–Diktum bekannt. In den letzen Jahren setzte sich auch der Philosoph Jürgen Habermas mit diesem Problem auseinander. Er kommt in seinem Aufsatz „Religion in der Öffentlichkeit“ zu folgendem Schluss:

Der liberale Staat hat nämlich ein Interesse an der Freigabe religiöser Stimmen in der politischen Öffentlichkeit sowie an der politischen Teilnahme religiöser Organisationen. Er darf die Gläubigen und die Religionsgemeinschaften nicht entmutigen, sich als solche auch politisch zu äußern, weil er nicht wissen kann, ob sich die säkulare Gesellschaft sonst von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneidet.

Die Frage, die sich nun für religiöse Gemeinschaften, die immer auch an der Abkehr von dem Sündenpfuhl der Welt interessiert sind, stellt, ist ob sie solche „Ressourcen“ für demokratisches Engagement zur Verfügung stellen können und wollen? Diese Frage kann weder von Intellektuellen und noch von Politikern für die Religionsgemeinschaften beantwortet werden. Es liegt an uns.

Um diesen erneuernden Zugang der UNO, die sich in einer Dauerkriese befindet, zugänglich zu machen, setzt sich UPF für einen interreligiösen Rat an der UNO ein. In diesem Zusammenhang arbeitet UPF auch darauf hin, auf nationaler und lokaler Ebene interreligiöse Friedensräte zu etablieren.

Gießen Youth Religion Sociery World Café 2  DSCN0276

Würde des Menschen. Drei Blitzlichter:

1) Auf meinem Weg hierher bin ich im Zug neben einem Flüchtling aus Pakistan gesessen. Nachdem ihn sein Schlepper an der Grenze zu Griechenland abgesetzt hat, war er den letzten Monat teilweise zu Fuß und eben teilweise mit dem Zug auf dem Weg hier nach Deutschland. Er möchte nicht in Griechenland Asyl beantragen (nach dem Dubliner Abkommen das eigentlich zuständige Land), sondern hier in Deutschland. Er wird im Erstaufnahmezentrum in Frankfurt lügen.

2) Frau Merkel trifft bei der Eröffnung der Messe in Hannover eine Schülergruppe, darunter ein Flüchtlingskind. Ihr kennt den Rest der Geschichte (youtube).

3) In Österreich sind seit Monaten Flüchtlinge in einer Zeltstadt untergebracht, weil sich österreichische Gemeinden wehren, sie unterzubringen. Es wird sogar überlegt, einige in der Slowakei unterzubringen. Unter der Angst, Stimmen zu verlieren, leidet Menschlichkeit im politischen Diskurs massiv. Man redet über Unterbringung für Flüchtlinge wie über den Bau von Müllhalden.

Abraham ist das Sinnbild für Gastfreundschaft im Judentum, Christentum und Islam.

Wie können religiöse Menschen gemeinsam die unantastbare Würde des Menschen in der heutigen Gesellschaft (praktisch) sichtbar machen? Was können wir tun?

Der Text lag einem Impulsvortag von Bogdan für die Weltcafé-Diskussion am 19.7.2015 in Gießen, Deutschland zugrunde.

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